Passt schon
„Passt schon.“

Ein Satz, den man auf Baustellen, in Werkstätten, in Betrieben und wahrscheinlich überall dort hört, wo Menschen praktisch arbeiten.
Meistens ist er beruhigend gemeint.
Das habe ich schon hundertmal gemacht.
Das hält.
Das geht so.
Passt schon.
Und erstaunlich oft stimmt das sogar.
Bis es irgendwann nicht mehr stimmt.
Erfahrung ist etwas Wertvolles.
Wer eine Tätigkeit häufig ausgeführt hat, erkennt Abläufe schneller. Handgriffe sitzen. Situationen können besser eingeschätzt werden. Man muss nicht über jeden einzelnen Schritt neu nachdenken.
Das ist gut.
Erfahrung entlastet uns.
Aber Erfahrung hat eine kleine Schwachstelle:
Sie beweist zunächst nur, dass etwas bisher funktioniert hat.
Nicht unbedingt, dass es die beste Lösung war.
Und auch nicht, dass es beim nächsten Mal wieder funktionieren wird.
„Ist doch noch nie etwas passiert.“
Auch dieser Satz ist ein alter Bekannter.
Die Leiter stand immer so.
Die Maschine wurde immer so benutzt.
Den Arbeitsgang machen wir seit Jahren auf diese Weise.
Und tatsächlich: Vielleicht ist nie etwas passiert.
Aber daraus folgt nicht automatisch, dass die Situation sicher war.
Vielleicht war die Methode gut.
Vielleicht waren die Bedingungen günstig.
Vielleicht hat jemand rechtzeitig reagiert.
Oder vielleicht hatten wir einfach ein paarmal Glück.
Das Schwierige ist: Im Rückblick sehen diese Möglichkeiten ziemlich ähnlich aus.
Das Ergebnis war schließlich jedes Mal dasselbe:
Es ist gut gegangen.
Routine kann Sicherheit schaffen.
Sie kann aber auch dazu führen, dass wir Dinge nicht mehr bewusst wahrnehmen.
Was am Anfang noch Aufmerksamkeit verlangt hat, läuft irgendwann nebenbei.
Genau das macht Erfahrung so wertvoll – und manchmal so tückisch.
Denn während der Handgriff derselbe geblieben ist, kann sich die Situation längst verändert haben.
Ein anderer Untergrund.
Eine andere Maschine.
Ein anderer Mensch.
Zeitdruck.
Müdigkeit.
Ein Detail, das gestern keine Rolle gespielt hat.
Und plötzlich passt das alte „Passt schon“ nicht mehr zur neuen Situation.
Kompetenz beginnt deshalb nicht dort, wo jemand alles schon einmal gemacht hat.
Sondern dort, wo Erfahrung nicht das Denken ersetzt.
Wo jemand trotz Routine noch wahrnimmt, was gerade tatsächlich vor ihm liegt.
Wo er erkennt, was diesmal anders ist.
Wo er Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann.
Und wo er sein Handeln anpasst, wenn es notwendig ist.
Erfahrung sagt: Das kenne ich.
Urteilskraft fragt: Ist es diesmal wirklich dasselbe?
Vielleicht ist genau dieser kleine Unterschied entscheidend.
Denn manchmal passt es tatsächlich.
Und manchmal lohnt es sich, vor dem „schon“ noch einmal kurz den Kopf anzuschalten.
Kopf an.